“Gewiss sind das Sterne”

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Gewissheit, meiner grösster Feind. Und dabei sehnt es den Menschen stets nach Gewissheit. Wenn mir Gewissheit derart gegen den Magen geht, bin ich denn auch Mensch? Gewiss, ich bin mir selber auch zuwider, nur lernte ich zu scherzen.

Aller Übel liegt Gewissheit zugrunde: Die Angst bei Kommendem, die Rache bei Verlorenem, die Hochmut bei Besiegtem oder auch die Engstirnigkeit bei Unsichtbarem. Man glaubt zu wissen und fällt somit Urteil. Das Urteil führt zur Tat, welche sich mit Gewissheit am besten sehen lässt, denn bei begründetem Motiv lässt es sich am besten richten. Nicht nur mit Begründung schmückt sich der  gewissenhafte Ritter, sondern auch mit edlen, möglichst universellen Tugenden wie mit der Vernunft, der Sachlichkeit oder der Wirksamkeit. Umso mathematisch-wissenschaftlicher die glorreiche Tat klingt, desto eindrucksvoller und wahrhaftiger nimmt man das Wissen und die Willensstärke des Gewissenhaften auch wahr. Mit logischen Zahlen und prunkvoller Schönheit lässt sich die Welt erobern. Jede (Un)Tat lässt sich mit dem Weihwasser aus dem Heiligen Gral der Gewissheit begiessen.

Selbstverständlich meint ein Jeder Ritter der Gewissenhaften Zünften zu sein und lässt den Säbel klirren sobald die Ehre um sein Wissen über die Mathematik und über die Schönheit in Frage gestellt wird. Ganze Kriege werden auf diese Art und Weise bis aufs bittere Ende geführt. Der Siegreiche besteigt nicht nur Frau und Gold, sondern setzt seine eigene Ansicht von Wahrheit auf Kosten der Ehre des Verlierers durch: Denn nur Gewissenhafte sind auch ehrenswert.

Dem Himmel sei Dank verfechtet der Zeitgeist der Moderne die aufgeklärten Werte des Unpersönlichens: Objektivität, Rationalität, Pragmatismus und Effizienz heissen die neuen, wenn auch antik-lateinisch Phrasen. Das Eigene ist in Verruf gerraten, Menschlichkeit gilt als irrational, und somit utilitarisch. Verständlicher: evolutionär, gesehen passé. Auch menschlichere Interessen wie die Kunst sind mittlerweile durch Gewissheit institutionalisiert, unternehmerisiert und strukturiert worden: Kunst hat gefälligst schön zu sein, denn nur Schönes birgt Glanz und füllt die Kassen oder entspricht zumindest den akademischen Ansprüchen. Leider geht es nicht nur der menschlichen Kultur derart, auch die universelle Wissenschaft hat mit derselben Gewissheit über Richtigkeit und Wohlklang zu ringen.

Wenn nur Gewissheit nicht unangebracht, betrügerisch und infektiös wäre. Ein bisschen Demut, eine Brise Skepsis und ein lang ersehntes Wiedersehen des infantilen Staunens seien, so sagt man, die beste Arznei gegen Gewissheit.