Zara und L(i)eben

zarathustra.jpg

 

Auszug aus Nietzsche: Biographie seines Denkens (2000) von Rüdiger Safranski.

„Hat Nietzsche deshalb – weil er merkte, dass er das Entscheidende noch nicht richtig zur Sprache gebracht hat – Anfang 1885 noch ein viertes Zarathustra-Buch verfasst, obwohl er doch nach Beendigung des dritten Buches überzeugt war, mit seinem Zarathustra fertig zu sein? Doch auch nach dem vierten Buch hat Nietzsche nicht das Gefühl, seinen Zarahustra abgeschlossen zu haben. Wohl löst er sich von der Figur, nicht aber von den Lehren, als deren Mündstück er Zarathustra hat auftreten lassen. An diesen Lehren, besonders an der Verknüpfung der drei Lehrstücke von der ewigen Wiederkehr, vom Übermenschen und vom Willen der Macht, wird er weiter arbeiten mit dem Bewusstsein, das Entscheidende immer noch nicht zureichend getroffen und formuliert zu haben.

Im Sommer 1881, zur Zeit der Inspiration am Surlej-Felsen, notierte sich Nietzsche für die Darstellung der Lehre von der Wiederkunft des Gleichen das folgende Gliederungsprinzip: Erst am Ende wird dann die Lehre von der Wiederholung alles Dagewesenem vorgetragen, nachdem die Tendenz zuerst eingepflanzt ist, etwas zu schaffen, welches unter dem Sonnenschein dieser Lehre hundertfach kräftiger gedeihen kann! (9.505) Die ursprünglich geplante Abfolge für den Zarathustra war demnach: zuerst soll die Umrisse einer Lebenskunst skizziert werden, wodurch das Lebens- und Liebenswerte des Daseins evident würde. Zarathustra will, wie die Sonne, Licht und Freude bringen. Er tritt auf als Mensch mit überfliessendem Wohlwollen. Aber was als Lehre der Lebenslust leicht und beschwingt klingt, ist schwer, wenn nicht unmöglich zu verwirklichen: die wiederhergestellte Spontaneität des Kindes oder, philosophisch gesprochen, die vermittelte Unmittelbarkeit. Zarathustra findet in der Rede Von den drei Verwandlungen (4.29) plastische Bilder dafür: Man ist zuerst Kamel, beladen mit lauter Du sollst. Das Kamel verwandelt sich einen Löwen. Der kämpft gegen diese ganze Welt des Du sollst. Er kämpft, weil er sein Ich will entdeckt hat. Doch weil er kämpft, bleibt er negativ ans Du sollst gefesselt. Sein Seinkönnen verbraucht sich im Zwang zur Rebellion. In diesem Ich will ist noch zuviel Trotz und Selbstversteifung, hier gibt es noch nicht die wahrhafte Gelöstheit des schöpferischen Wollens, noch ist man nicht bei sich selbst, bei seinem Lebensreichtum angekommen. Das gelingt erst, wenn man zum Kind wird, auf neuer Stufe die erste Spontaneität des Lebendigen wieder erreicht: Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginn, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. (4.31)

Vom Spiel des Schaffens und vom heiligen Ja-sagen ist im folgenden noch viel die Rede. Zarathustra bemüht sich, konkrete Aspekte einer Lebenslehre der wiederhergestellten Gesundheit und Spontaneität zu benennen: man soll auf die grosse Vernunft des Leibes hören und sich richtig ernähren, seinen Umgang mit Menschen auf ein bekömmliches Mass reduzieren, seine Gefühle, Erfahrungen und Gedanken nur beschränkt mitteilen, damit man sich nicht Missverständnisse verstrickt und am Ende das Eigene, verzerrt und deformiert durch das öffentliche Geschwätz, als Fremdes zurückkehrt und einen von sich selbst ablenkt. Man soll sich also nicht dem Markt der Meinungen preisgeben, aber auch nicht den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge (4.37) stecken – auch das bedeutet Entfremdung von lebendigem Zentrum. Dieses aber finden wir in der Liebe, sagt Zarathustra. Er spricht es mit einer paradoxen Wendung aus: Wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sonder weil wir ans Lieben gewöhnt sind (4.49). Nicht das Leben rechtfertigt die Liebe, sondern umgekehrt: die Liebe ist das Schöpferische und darum jene Kraft, die das Leben am Leben hält. Hat man sich erst an die Liebe gewöhnt, nimmt man den Rest des Lebens in Kauf. Nur mit dem Willen zur Liebe wird man die womöglich liebenswerten Seiten des Lebens entdecken, andernfalls wird man zumeist auf seine abstossenden, hässlichen, quälenden Aspekte stossen. Den Willen zur Liebe sollte man dafür nutzen, die Welt um sich herum und sich selbst zu verzaubern. Man soll sich also in die Liebe verlieben.“