Dschungelbuch

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Die Geschichte von Mogli und seinem tierischen Freunden aus dem indischen Urwald ist, zumindest seit der Erscheinung der Walt-Disney Verfilmung, jedem ein Begriff. Das Dschungelbuch wurde ursprünglich von Rudyard Kipling in zwei Bänden 1894/5 verfasst, und durch Walt Disney in einen Zeichentrickfilm mit einer leicht veränderten Inszenierung auf die Leinwand gebracht. Walt Disney verstarb noch während der Produktion der zu zeichneten Filmsequenzen 1966, wirkte aber noch wesentlich am Drehbuch, zugunsten einer heiteren und kürzeren Fassung, mit. Der Film war ein Erfolg und zeichnet sich nicht nur durch zeitlose Bild und Ton, sondern ebenfalls durch überzeugende Darstellung von tierischen Persönlichkeiten aus. Die Geschichte wurde durch deren Linearisierung und durch eine vom Original abweichende Interpretation der Rollen um einen tieferen und allgemeingütligen Sinn reicher. Die Vorführung vor Kindern dient somit neben der pädagogischen und unterhaltenden Wirkung auch der Veranschaulichung einer gesellschaftlichen Metapher: Die breite Palette von ungleichen Persönlichkeiten der wilden Tiere und deren Absichten wirken auf den ahnungslosen, aber biologisch überlegenen Menschenjungen ein. Wie geht der Junge damit um und wie endet das Abenteuer? Es mündet in Misstrauen, und schliesslich der Flucht vor der Tierwelt.

Ich werde die Geschichte nicht versuchen im Detail zusammenzufassen, bei Unkenntnis empfehle ich den Zeichentrickfilm sich einfach in aller Ruhe anzuschauen, denn er ist im wahrsten Sinne des Wortes zeitlos. Aber grundsätzlich geht es in der Geschichte um ein Findelkind, dass von einem Wolfsrudel aufgezogen wird. Als das Kind namens Mogli schon ein wenig älter und grösser geworden ist, erfährt die Meute, dass ein Tiger auf seiner Suche ist um ihn zu töten. Der gutgesinnte Puma schlägt vor Mogli zurück in die menschliche Zivilisation zu bringen um ihn vor einem sicheren Tod zu schützen. Daraufhin ergibt sich ein Abenteuer in welches Mogli sich zuerst zurechtfinden muss, denn er weigert sich die Tierwelt zu verlassen. Doch am Ende, nach dem Einschlagen unterschiedlichster Wegen und Begegnungen, findet Mogli doch in das indische Dorf zurück und zeigt schlussendlich noch Freude dabei.

Mogli, als Mensch unter Tieren, als Aussenseiter, versucht durch die verschiedenen Begegnungen die Wahrheit über ihn und seine menschlichen Wurzeln in Erfahrung zu bringen. Aus diesem Grund spielt das etappenweise Heranwachsen des Protagonisten eine essenzielle Rolle während der ganzen Handlung. Die im Dschungel anzutreffende Tieren bergen höchst unterschiedliche Charaktere die sich nicht nur botanisch, sondern typologisch voneinander sehr stark unterscheiden. Jedes Tierart vertritt eine andere Ansicht zu der gegeben Problematik. Nämlich das Problem, dass Mogli nicht mehr sicher unter den Tieren ist und dazu nach menschlichen Bedürfnissen dürstet, welche die Tiere ihm nicht mehr geben können. Der Puma Baghira versucht Mogli zu besinnen. Der Bär Balu versucht ihn zu erleichtern. Der Elefant Hathi versucht ihn zu führen. Die Schlange Kaa versucht ihn zu verführen. Der Affe Louie versucht ihn zu entmachten. Die vier Geier versuchen ihn zu betäuben. Der Tiger Sher Khan versucht ihn zu entmündigen. Somit hat jedes Tier nicht nur Ansicht, sondern Absicht. Sie verfolgen unterschiedliche Interessen, die oft nicht mit dem Wohlergehen Moglis übereinstimmen. Mogli als machtvolles Tier, als unerfahrener Mensch ist den Tieren eine Gefahr und eine Bereicherung zugleich. Sher Khan sieht im Menschen der Untergang seiner Spezies und demzufolge ist Mogli eine potenzielle Gefahr. King Louie sieht im Menschen der Übergang seiner Spezies zum Überaffen und demzufolge ist Mogli eine potenzielle Bereicherung. Die anderen Tieren die in Mogli weder Gefahr, noch Bereicherung sehen versuchen ihn zumindest mit ihren Ansicht von der Richtigkeit zu bereichern. Baghira denkt, dass Mogli besser unter Menschen aufgehoben ist, denn Gleiches gesinnt sicher gerne. Balu denkt, dass Mogli hingegen besser in der Natur aufgehoben ist, denn die Natur ist für alle Heimat. Baghira ist die Stoa und Balu der Hedonismus.

Andere tierische Darsteller bergen ebenfalls symbolische Absichten, wie zum Beispiel King Louie welcher sich nach dem Menschens Feuer sehnt. Er möchte gerne sein wie der Mensch, der das Feuer zu beherrschen weiss. Als Anführer der Affen geht er höchstpersönlich diesem affigen Wunsch nach. Obwohl Mogli, als unter Tieren aufgewachsener Junge, keine Ahnung von Feuer und Flamme hat, sieht King Louie ihn als Schlüssel in seinem machthaberischen Plan. Genau so wie der Affe zum Mensch werden möchte, sehnt es dem Menschen nach dem Übermenschen. Auch Menschenkönige haben zu ihren Lebzeiten, wenn auch vergeblich, nach dem göttlichen Nektar der Unsterblichkeit gesucht. Aber es gibt neben dem Strebenden, dem Bejaher auch den Furchtsamen, den Verneiner. Im Dschungelbuch ist der boshafte Tiger der Verneiner, denn er weiss wie es um die Tiere steht, wenn der Mensch zum Feuer zückt. Er mag das Feuer nicht und sieht im Feuer auch keine Zukunft für das Tier. Er ist somit nicht, wie er gerne gesehen wird, inhärent boshaft.

Als der Kampf zwischen dem brennenden Mogli und dem starken Tiger zugunsten Mogli endet, bringen in Baghira und Balu endlich zu einem Weiher nahe der menschlichen Siedlung. Mogli sieht dabei ein Mädchen Wasser schöpfen. Die Neugier steigt in ihm hoch, die menschliche Zugehörigkeit als Rechtfertigung seiner Neugierde alsbald. Mogli geht durch den trennenden See und verlässt dabei die indische Fauna. Als tierischer Mensch geprägt durch unterschiedlichste Tiere und Perspektiven geht er seiner übertierischen, menschlichen Zukunft nach.