Der Grossinquisitor: Macht als Mittel

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Die Parabel des dostojewskischen Grossinquisitors stammt aus einem seiner letzten Romanen “Die Brüder Karamasow“. Es ist die Handlung einer fiktiven Geschichte, die der intellektuelle Iwan seinem asketischen Bruder Aljoscha in einem Gasthaus erzählt. Iwan offenbart ihm seine Ungläubigkeit durch das literarische Gleichnis, denn in ihm wurzelt ein atheistischer Skeptizismus und bringt in durch die Unmenschlichkeit der Ethik auf einen nihilistischen Nenner: “Alles ist erlaubt”.

Die Parabel ist in ihrer Handlung schlicht und einfach gehalten: Jesus Christus kommt im Sevilla des 16. Jahrhunderts vorbei, worauf er durch den dortigen Grossinquisitor verhaftet wird. Die Handlung beschränkt sich danach auf den Monolog des kaum aufgebrachten Inquisitors: Er ist der Meinung, dass die Menschheit nicht selber zum Paradisischem finden könne, aber durch richtiges Zügeln Richtung gegeben werden kann. Jesus habe dies seinerzeit durch illusorische Werte wie die der Freiheit und der Liebe versäumt.

 

Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebe.

Und an Stelle dieses Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der Menschheit um tausend Jahre abkürzen können – denn siehst Du, jetzt werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm gequält haben.

 

Das ist die Wahrheit, aber was tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse?

Statt ihm nun ein für allemal feste Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten, sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden, was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele.

 

Soll ich Dir unser Geheimnis enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von ihm annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist.

Und doch hättest Du damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann. Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen, wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit für alle Zeiten besiegt und sind ihm nachgefolgt. O gewiß, es werden noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen, Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei – denn wenn sie ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei der Menschenfresserei aufhören.

 

Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch nicht für solche wie sie.

Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: ›Gehe hinaus und kehre nicht wieder – kehre nie wieder – nie, nie!‹ Er läßt Ihn hinaus auf die ›dunklen schweigenden Plätze‹ der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.

 

So endet die eher triste Parabel des karamasovischen Atheisten und Intellektuellen. Danach trennen sich die Brüder, nicht nur örtlich, sondern auch seelisch.

Es ist die Geschichte von Freiheit und Freiheitsgebung: Durch unbeschränkte Unterwerfung kann sich die Menschheit ihr irdisches Brot wieder erbetteln. Es geht nicht um die Verfeindung von Unglaube und Glaube (sprich Religion), denn auch heutige Staatsformen erzielen den selben Effekt der uneingeschränkten blinden Gläubigkeit. Mit dem Anschein der politischen Teilnahmeberechtigung am demokratischen System schaffen sich, heute genau so wie vor Jahrhunderten, die inquisitorische Institutionen Macht. Die iwanowische Erzählung ist somit auch in den heutigen Tagen von offensichtlicher und unverblümter Gültigkeit. Denn was ist dem Einzelnen ferner als die freie Wahl zwischen Güt und Böse?