Soziale Maskerade

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Die Gesellschaft versteht sich als Summe von Menschen verbunden durch gemeinsame Sprache, Werte, Überzeugungen, Traditionen oder auch Erfahrungen. Diese Gemeinsamkeiten dienen dem Einzelnen als Identifikationsmerkmale. Mangelnde an Identifikation saugen somit Gemeinschaft in sich auf und verbreiten die individuelle Dogma jener Gesellschaft weiter. Sie überzeichnen und rechtfertigen ihre erlangten Ungemeinsamkeiten, sie bekehren weitere Unpersönliche und Unentschlossene, spannen Unerreichbare und Blutsväter ein, und befeinden Fremde, Heimatlose und Einzelgänger.

Die Gesellschaft ist ein Spiel der Abhängigkeit: Umso abhängiger und unbedeutender der Einzelne, desto glorreicher und unabhängiger die Mehreren. Es gleicht somit einem Maskerade, einem Tanz des Verdecktem. Solange alle Maskenträger weiter zum Rythmus der treibenden Musik tanzen, scheint das Spektakel, zumindest für den Tanzenden, befriedigend. Aber sobald die Masken fallen und die Verstohlenheit ihrer Werte im Anblick des bis hinan erwartungsvollen, hoffenden Zuschauer empor quillt, so verwehet sich auch das Rätsel um  ihre Wahrheit. Die erstarrten Entmaskierten findet sich in ihren Zweifel und Zwecklosigkeit wieder. Denn für die Vielzuviele scheint die Natur keinen Lebensinn vorzusehen: “Durch welche Tat zeichnet sich ein Einzelner heute noch aus? Alles ist schon gewesen, getan, gedacht, gesagt. Worin besteht noch meine Aufgabe, meinen Nutzen, mein Bestreben?” fragt sich der Hoffnungslose, Lebensverneinder und Einsame. “Lieber werde ich um mein Ansehen und meine Würde betteln!”. In der Gemeinschaft werden die Unterschiede ersichtlich und dadurch geringer, somit steigt die Überlegenheit, Macht und Wichtigkeit. “Lieber den Anteil an der Macht teilen als über keine zu verfügen”.

Wo Masken getragen werden, stinkt es. Der Gestank der Doppelzüngigkeit und der Scheinheiligkeit steigt bis zu den Wolken empor und vergiftet auch noch den frommen Himmel.