Brunnen der Unruhe

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In meiner Heimatstadt Basel befindet sich mitten im Stadtzentrum gelegen ein etwas skurriler Brunnen, ein Brunnen als Werk der Unruhe und Irritation.

Er lockt rund um die Uhr durch seine Ungewöhnlichkeit Jung und Alt, von Nah und Fern herbei. Man sitzt, isst und lacht daneben und schaut dem Spritzzirkus zu. Kinder sausen kreischend um das rechteckige Steinbeet, Betagte fragen sich nach dem Zweck dieser Abstraktion und zeigen mit dem Finger nach naiven Hinweisen, Beweise für ihr Fragen. Es ist ein seltsamer Anblick: man beobachtet, versucht zu begreifen und versagt trotz dem nicht enden wollende Gefrage des Wunderfitzigen, der Neugierde selbst.

Der Brunnen ist das Werk einer regionalen Persönlichkeit dessen (in)novatives Schaffen als sogenannte kinetische Kunst bekannt wurde. Kunst die sich bewegt. Der Brunnen ist ein Paradebeispiel seiner künstlerischen Vorstellungen. Es zählt zehn von einander unabhängigen Gebilden die Wasserformen durch die Lüfte spritzen und in dem rechteckigen Teich wieder aufgefangen werden. Das Markenzeichen Tinguelischer Kunst ist die Nutzung von gebrauchten Maschinenteilen. Die zehn Gebilde bestehen somit aus wiederverwerteten Werksstücken aus vollindustrialisierten Jahren. Das ganze Gespritze wirkt somit künstlich-maschinell und doch lebendig, konkret-zweckmässig und doch unnütz, altbekannt-gestrig und doch fremdartig. Es ist eine Pracht der Gegensätze und bringt dem Betrachter das Fragen wieder bei.

Aus einer abstrakten Sicht ist dieser Brunnen eine nähere Betrachtung wert, denn hinter den Maschinen und Spritzdüsen liegt eine vielleicht übersehene Absicht dessen Erschaffer der Frage der Kunst allgemein, oder vielleicht spezifischer die Kunst des Lebens ein Gedenken zu setzen. Mag die Verwirrung und das Fragen an sich ausgelöst durch den Brunnen der Sinn der ganzen Installation sein?

Es ist ein beunruhigender Gedanke etwas derart Bekanntes loben zu müssen, dass dem Mensch, der Gesellschaft oder dem Leben selbst nicht einer konkreten Absicht dient. Auch in der Kunst welche keine Regeln zulässt wird nach dem Zweck hoffnungsvoll und doch vergeblich gesucht. Wenn etwas nicht direkt einen Nutzen einbringt, so soll es doch wenigstens etwas Wert sein. Wenn etwas weder dienlich ist, noch sich auszahlt, so soll es bitte erst gar nicht in die Quere kommen. Womit lässt sich ein Etwas assoziieren wenn nicht mit Funktionalität, Etrag oder Bedeutung? Es ist beschämend, beängstigend, ja gar bedrohlich etwas nicht zuordnen zu können.

Der Benutzung von Maschinenteilen, Apparaten und Getrieben macht die ganze Sache noch widersprüchlicher und belastender. Wie kann so etwas Funktionales wie einen von tüchtigen Ingenieuren konzipierten Mechanismus entzweckt werden und der Kunst als unfunktionales, aber fruchtbares Schaffen dienen? Man schreibt lieber der Kunst ungerechtfertigte Attribute wie Unverstandenheit oder Wert- und Statusorientierung oder Auslebung von überreicher Libido oder sonstige betrügerische Absichten zu, anstatt sich mit dem Gegenstand Kunst auseinanderzusetzen. In dieser Hinsicht ist der Brunnen eine existenzielle Infragestellung des Lebenssinns. Gilt dem Leben eine Zweckorientierung wie es wissenschaftlich-darwinistisch durch die Evolutionstheorie oder sozial-darwinistisch durch das eigennütziges Wirtschaften uns vorschreibt?

Ich möchte diese Frage stehen lassen und noch auf weitere interessante Abstraktionen des frommen Wasserverspritzens eingehen. Der Brunnen ist in seiner kinetischen Sensation ziemlich repetitiv und unterliegt einer gewissen immerwiederkehrende Monotonie. Die Ewige Widerkehr von Gleich und Gleichem. Es sieht wie die Arbeit von Sisyphos aus, der den Stein in aller Ewigkeit den Berg hinauf rollt, nur in der Hand von arbeitstüchtigen, aber doch anscheinend unnützen ausgedienten Maschinen. Es kann fast als Parabel zu unserer Arbeitswelt, oder besser gesagt unserer Arbeitswut als höchstes Mass der Dinge gesehen werden: Tüchtig sein als höchste Tugend und Arbeit den Ruhm zukommen zu lassen, so dass ja in alle Ewigkeit geschuftet wird. Das eine der zehn Gebilde gleicht einer grossen metallischen Maske aus vergangener architektonischer Epoche und verleiht dem Ganzen eine gewisse Humanität. Ein anderes Gebilde wiederum gleicht den Füssen von einer schwimmenden Ente und verleiht dem Ganze eine gewisse Animalität. Und ein anderes Gebilde wiederum gleicht ausser einem subtilen Mechanismus nichts Besonderem, spritzt dafür eine sinusförmige Welle in die Luft und verleiht dem Ganze eine gewisse Mathematik. Man findet somit sofort einen Anhaltspunkt und dadurch Identifizierung. Eine Identität des Solidarischen, der Empathie genauer gesagt. Und doch für alle Zeit der gleichen Bewegung, des unendlichen Tuns in reiner Sinnlosigkeit unterworfen.

Zuletzt möge das Wasser als Symbol des Flusses und des Fliessens die Brunnen-Metapher abschliessen. Das Wasser findet seinen gebahnten Weg durch den Schlauch, gefolgt vom Versprühen durch die Spritzdüse, verteilt und verloren in der Luft, aufgefangen durch den Teich. Der Teich als Ozean der Menge und Masse, der Unendlichkeit selber. Vom Teichbeet wird der Strom wieder in die Bahnen des Schlauchs hochgepumpt. Es ist ein unendlicher Zyklus des Absurden und Nihilistischem. Es ist ein sinnloser Zyklus vom Kleinen zum Grossen, vom Gebahnten zum Zügellosen, von Richtung zum Durcheinander, von Richtigkeit zur Unruhe. Es ist eine Frage des Chaos. Vermag man noch im Chaos noch einen Stern zu gebären?