American Beauty – Die Rose einer Familie

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Ein Liebesdrama, ein Familiendrama, oder doch ein Gesellschaftsdrama? Ein Spiegel der westlichen Orientierungslosigkeit.

Der Spielfilm von Sam Mendes hinterlässt einen angenehmen, wenn auch bitteren Nachgeschmack. Nicht etwa nur durch seine technische Realisierung, sondern durch die Entblössung der modernen menschlichen Natur. Die Geschichte dreht sich um den Familienvater Lester Burnham der am Ende des Streifen sein Leben nach einem Missverständniss lassen muss. Es ist die Geschichte der Befreiung eines Gefangenen seiner eigenen Zunft. Bis dahin zieht das Geschehen seinen engsten Kreis, Ehefrau und Tochter, in ihre tiefsten Abgründe während Lester zur erleuchtenden Besinnung kommt.

Der auschlagebende Punkt den Lester zu seinem Weg neuen Lebensweise verführt ist die Begegnung nach einer Sportveranstaltung mit der jungen Angela, Schulfreundin seiner Tochter Jane. Darauf folgt die titelgebende Szene worin Angela ein Bad voller Rosenblüten nimmt und sich Lester mit ihren funkelnden Augen, ihren kindlichen Knöcheln hingibt. Es ist der Anfang einer beginnenden Besinnung. Angela repräsentiert eine vergangen Jugend, eine verlorene Zeit der Novität und der Freude, des Wandels selbst, und nicht etwa einer pädophilen Grundorientierung wie dies fälschlicherweise angenommen werden könnte.

Ein weitere zentralle Rolle bei Lesters Besinnung spielt Ricky Fitts, Sohn des neueingezogenen Nachbarn Colonel Frank Fitts und späterer Freund Janes. Ricky zeigt Lester die Freude des Cannabis-Konsums, der als Katalysator zu Lesters neuen Lebenseinstellung dient. Das Rauchen geniesst er nicht nur als entspannenden Loslösen seiner Gefangenschaft mit seiner Ehefrau Carolyn die ihn als Versager sieht, sondern als Repositionierung seiner Prioritäten und perspektivistischer Neuanfang.

Das Verlangen nach seiner eigenen verlorenen Lebensfreude, symbolisiert durch seine sexuelle Zuneigung zu Angela, veranlasst ihn Sport mit seinen homosexuellen Nachbarn zu treiben und kauft nachdem er seinen ehemaligen Boss erpresst hat ein Sportwagen. Nebenbei arbeitet er bei einem Schnellimbiss, der ihm, wie er sagt, keinerlei Verantwortung abverlangt. Es sind Produkte eines gesunden jugendlichen Hochmuts. In Wahrheit aber gelten sie Angela als Bild seiner Selbst und nicht etwa ihr als Begehrensobjekt. Lester fängt langsam wieder an sein Leben nach seinen eigenen Neugierde und Freude zu leben. Er geniesst den schweisstreibenden Sport, das seditative Rauch von Grass und den Gedanken an die Blüte jugendlicher Schönheit.

Wie schon erwähnt erfahren seine Ehefrau Carolyn und seine Tochter Jane eine eher lasterhafte Entwicklung. Spätestens nachdem Lester seinen Speiseteller gegen die Wände wurf war es für sie beide klar: ihre Abneigung gegenüber ihm ist am, anscheinend irreversibler Tiefpunkt angekommen. Carolyn entgegnet ihrem Ehemann mit extrakonjugalen Affäre mit niemandem geringerem als ihren Erzfeind, dem Immobilienmarktler Buddy Kane alias King. Jane entgegnet ihrem Vater mit einer eskapistischen Befreundung und Affäre mit Ricky. Es kann von beiden als Verlangen nach Manneskraft, nach einer sich selbst unterdrückenden Ersatzkraft verstanden werden.

Lester wird schlussendlich von seinem Nachbarn Frank Fitts mit einer Handfeuerwaffe ermordet. Kriegsveteran Frank symbolisiert die typische konservative Einstellung. Seine Fundament gilt der Disziplin und Struktur und heisst die ultimative Unterdrückung seiner Selbst. Er kann als Antithese zum späten Lester gesehen werden. Das eigentliche Missverständnis beruht darauf, dass Frank Lester für den Liebhaber seines strukturell gestörten Sohnes Ricky hielt und nach einer direkt sinnlichen Konfrontation mit Lester eine Zurückweisung in Kauf nahm. Die mangelnde Disziplin seiner homosexuellen Hingabe brachte Frank Verachtung und Zorn. Lester zahlte als Besinnter für die Hilfslosigkeit einer Struktur.

Ricky als wichtiger Nebendarsteller der Handlung spielt die Rolle eines Wegweisers. Er nutzte Bild, Stille und Psychedelika als Hilfsmittel zur Befreiung von Ordnung und Struktur, zur Befreiung einer familiären Idylle. Er hält Lester, Jane, aber auch Angela und seinem Vater ihre eigene Spiegelbilder vor. Die Szenen seines Kameraobjektivs sind die höchstmöglichst naturalistische Blossstellung des Seins. Die exemplarische Schönheit der im Wirbel verschlungenen Plastiktasche zielt auf eine Verwirklichung des Unscheinbaren ab. Auch Ricky ist der jugendlichen Neugierde unterworfen. Die Ausstrahlung des Unbekannten und Intrigierenden zieht nicht nur Jane, sondern auch Lester in seinen Bann.

Grundsätzlich ist der Streifen einen sehenswerte Metapher der westlichen Konditionierung. Vor allem Carolyn, Lester Ehefrau zeigt diese Konditionierung ziemlich gut: Familie, Arbeit und Erfolg, alles eine Frage des Scheins. Ihre jugendliche Blüte kommt erst in der Bettszene mit dem King zum Vorschein und trügt über eine mögliche Besinnung ihrerseits hinweg. Für Carolyn kommt das Bewusstsein ansatzweise erst post mortem indem sie auf materialistische Weise nach der Garderobe ihres ehemaligen Gatten greift.

Es mag noch weitere bemerkenswerte Details geben die zu einem volleren Bild dieser Tragödie beitragen. Vielleicht redigiere ich diese in einem späteren Verlauf.